Hinter den Kulissen der Kreuzfahrt: Die erste Achterbahn auf See

Torsten Schmidt von Maurer Rides nimmt schon mal Platz auf Bolt. Foto: Maurer Rides
Torsten Schmidt von Maurer Rides nimmt schon mal Platz auf Bolt. Foto: Maurer Rides

Die Organisation, die hinter einer Kreuzfahrt steckt, ist umfangreich und doch meist unsichtbar für das Auge des Gastes. Wir haben nun wieder hinter die Kulissen geschaut!

In dieser Ausgabe unserer Serie sprechen wir mit Torsten Schmidt von Maurer Rides, der an der Entwicklung der ersten Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff beteiligt ist.

Herr Schmidt, erzählen Sie uns doch bitte einmal genauer, wer Sie sind und wie Ihre Verbindung zur Kreuzfahrtbranche zustande gekommen ist.

Mein Name ist Torsten Schmidt, bin 41 Jahre alt und bei dem Unternehmen Maurer Rides verantwortlich für den Bereich Business Development. An der TU Dresden habe ich Maschinenbau mit der Spezialisierung Industriedesign studiert und begann vor 15 Jahren bei Maurer Rides im Bereich der Layoutentwicklung für Achterbahnen.

Nach einer zusätzlichen Qualifikation, einem MBA für Vertrieb und Marketing, wechselte ich zum Unternehmen Wiegand Maelzer. Drei Jahre begleitete ich das Unternehmen bei seinem internationalen Markteintritt als Projektleiter. Seit 2017 bin ich nun wieder zurück bei Maurer Rides, mit dem Hauptziel, durch neue Ideen und Kooperationen neue Kunden und Märkte zu erobern. 

Ganz besonders stolz bin ich daher, dass Maurer Rides für Carnival Cruise Line die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff, der Mardi Gras, entwickelt und baut. 

So soll die Achterbahn Bolt auf der Mardi Gras aussehen. Grafik: Maurer Rides
So soll die Achterbahn Bolt auf der Mardi Gras aussehen. Grafik: Maurer Rides

Was sind Ihre Aufgaben bei Maurer Rides und welche Rolle hatten Sie bei der ersten Achterbahn auf See an Bord der Mardi Gras?

Neben der Entwicklung neuer Ideen verantworte ich bei Maurer Rides den Bereich Marketing und Vertrieb. Diese übergreifenden Aufgaben bieten mir nicht nur viel Abwechslung, sondern auch enorme Möglichkeiten schnell auf Kundenwünsche und Anfragen zu reagieren, die ich dann wiederum ins Marketing einfließen lassen kann. 

Um Carnival von Maurer Rides zu überzeugen und den Auftrag für die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff zu erhalten, waren sehr viele technische Aufklärungsarbeit und Abstimmungen nötig.

Bolt ist ein sogenannter Spike Coaster. Können Sie erklären, wie diese Art Achterbahn funktioniert?

Spike ist der erste Powered Coaster, der alle Beschleunigungen eines anspruchsvollen Gravity-Coasters realisieren kann. Die Kraft wird durch einen 80 KW Elektromotor auf jedem Fahrzeug zur Verfügung gestellt. Der Antrieb basiert auf einer formschlüssigen Verzahnung, so dass immer 100% Traktion vorliegt und das Fahrzeug völlig witterungsunabhängig auch steilste Steigungen bewältigen kann.

Die Kettenmontage für den Testaufbau. Foto: Maurer Rides
Die Kettenmontage für den Testaufbau. Foto: Maurer Rides

Auf See sind die Bedingungen anders als an Land. Wo liegen dadurch die Besonderheiten?

Für die Realisierung des Bolt auf der Mardi Gras spielten mehrere Besonderheiten eine Rolle. Durch den Antrieb konnten wir die Geschwindigkeit und somit die Dynamik des Fahrzeugs kontrollieren und waren somit unabhängig von den Bewegungen des Schiffes.

Die salzige Luft und somit korrosive Atmosphäre ist eine weitere Herausforderung, die wir angegangen sind. Durch Tests in einer Salzsprühanlage haben wir versucht, Schwachstellen zu identifizieren, um diese zusätzlich zu schützen.

Eine weitere Besonderheit stellte sicherlich die Montage auf dem Schiff dar. Diese kann man nicht mit der an Land vergleichen. Um die Montage- und Inbetriebnahmezeit zu verkürzen haben wir uns deshalb auf eine Vormontage an Land entschieden. Dies ermöglichte uns eine einfachere Montage der Stromschiene und der Zahnstage entlang der Achterbahnschiene sowie eine exakte Erfassung und Kontrolle der Stützpunktkoordinaten für die richtigen Positionen später an Deck.

Die Schienen und Stützen wurden vorab an Land testweise aufgebaut. Foto: Maurer Rides
Die Schienen und Stützen wurden vorab an Land testweise aufgebaut. Foto: Maurer Rides

Wieso gibt es erst jetzt die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff?

Durch den Seegang werden Schiffe um die Längsachse ins Rollen bzw. um die Querachse ins Stampfen gebracht. Diese Bewegungen werden bei einer klassischen Achterbahn zum Problem. Die Gefahr besteht, dass das Fahrzeug entweder nicht über den nächsten Hügel kommt oder zu schnell in die Kurve fährt und somit die zulässigen Radialbeschleunigungen überschritten werden. Hinzu kommt der Wind der auf hoher See entweder das Fahrzeug abbremst oder beschleunigt. Mit der Spike Technik und der Geschwindigkeitssteuerung spielen solche Einflüsse keine Rolle mehr. 

Der Streckenverlauf von Bolt an Bord der Mardi Gras. Grafik: Maurer Rides
Der Streckenverlauf von Bolt an Bord der Mardi Gras. Grafik: Maurer Rides

Gab es während der Entwicklung einen Moment, an dem Sie dachten, dass eine Achterbahn auf See unmöglich ist? 

Eine Achterbahn erzeugt während der Fahrt dynamische Lasten. Zu Beginn war Carnival, aber auch uns, unklar ob eine herkömmliche Schiffsstruktur dafür ausgelegt ist, die Lasten einer Bahn aufzunehmen. Daher vereinbarten wir zusammen vorab eine Studie durchzuführen um diese Frage zu klären.

Nach unzähligen Simulationen und Analysen gab es aber die positive Rückmeldung, so dass es für uns dann keine Zweifel mehr an einer erfolgreichen Umsetzung gab. Natürlich gibt es in der Schifffahrt noch sehr spezielle Regularien, was Brandschutz, Elektroinstallation und Sicherheit angeht. Aber dadurch, dass die Standards im Bereich der Achterbahnen für Freizeitparks auch schon sehr hoch sind, war es für uns kein Problem entsprechende Anpassungen durchzuführen. 

Der Testaufbau von Bolt. Foto: Maurer Rides
Der Testaufbau von Bolt. Foto: Maurer Rides

Wie lange hat es von der Idee bis zum aktuellen Aufbau der Anlage auf dem Schiff insgesamt gedauert?

Die Idee eine Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff zu realisieren gibt es schon länger. Aber konkret startete das Projekt mit Carnival vor ca. drei Jahren. Für eine Achterbahn an Land würden wir die Hälfte der Zeit benötigen, aber auf einem Kreuzfahrtschiff sind die Spezifikationen etwas umfangreicher.

Wie ist denn der aktuelle (Aufbau-)Status bei Bolt?

Aktuell wurden Stützen und Schiene montiert. In den nächsten Tagen wird der Schaltschrank angeliefert und die Bahn angeschlossen. Dann stehen nur noch ein paar abschließende Fahrttests und die Abnahme der Bahn an.

(Anmerkung: Diese Angaben kommen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie.)

An Land ist die Achterbahn Bolt bereits gefahren. Foto: Maurer Rides
An Land ist die Achterbahn Bolt bereits gefahren. Foto: Maurer Rides

Wie ist die Zusammenarbeit mit Carnival als Kunden und Meyer Turku als Bauwerft?

Die Zusammenarbeit mit Carnival als Kunden und Meyer Turku als Bauwerft ist mehr als partnerschaftlich. Für alle Beteiligten ist Bolt die erste Achterbahninstallation auf einem Kreuzfahrtschiff. Wir freuen uns alle sehr auf die Realisierung dieses einmaligen Projektes und natürlich auf die ersten Fahrten mit Bolt

Auch andere Kreuzfahrtanbieter wie Genting planen nun Achterbahnen auf ihren Schiffen. Gibt es schon Überlegungen für neue Achterbahn-Konzepte auf See?

Wir sind natürlich begeistert, dass fast zeitgleich auch Genting für die neue Global Dream Interesse an einer Achterbahn geäußert hat. Es gibt aber auch schon weiter Konzepte die wir für Kreuzfahrtschiffe entwickelt haben. Und das sind nicht nur Achterbahnen. 

Wir danken Torsten Schmidt und Maurer Rides, uns und euch viele interessante Einblicke ermöglicht zu haben.